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Zwei Fotografen, drei Teenager und ein Wohnmobil

Die 5 Reicherts berichten in ihrem Blog seit mehr als 14 Jahren über ihre Reisen. Egal ob USA, Neuseeland, Norwegen oder Schottland, meist sind sie mehrere Monate mit dem Wohnmobil unterwegs, immer auf der Jagt nach den besten Fotomotiven. Im Interview erzählt Gabi, das reiselustigste Familienmitglied unter den Reicherts, über ihre Roadtrips zu fünft.

Name: 5 Reicherts: Gabi, Gunter, Esra, Noah und Amy Reichert
Blog: 5reicherts.com
Aktueller Standort: Öland, Schweden
Letzte Reise: Aland Inseln, Finnland
Nächste Reise: Bornholm, Dänemark
Reiseutensil, das nie fehlen darf: Die Kamera
Am öftesten vergessen: Keine Ahnung, immer mal wieder was anderes.redwood

Seit der ersten großen Reise der 5 Reicherts sind schon mehr als 14 Jahre vergangen. Damals wart Ihr drei Monate durch die USA und Kanada unterwegs. Hattest Du anfangs Bedenken, mit Kleinkindern über eine so lange Zeit zu verreisen?

Ja, sicher. Die erste große Reise war etwas Besonderes. Ich machte mir schon Gedanken, wie das ist, mit so kleinen Kindern zu reisen. Ob wir es überhaupt packen würden. Die lange Zeit machte mir weniger Sorgen. Das Anstrengendste ist ja die Anreise – je länger die Reise dann dauert, desto einfacher wird es. In den USA machte ich mir tatsächlich eher Gedanken wegen der vielen giftigen Tiere und Pflanzen. Gerade mit Kleinkindern kann das wirklich gefährlich werden. Doch zum Glück haben die Tiere mehr Angst vor uns Menschen – es passierte nichts unterwegs. Außer Holzsplittern in den Händen verletzten sich die Kinder nicht.

Kleinkinder & Wohnmobil, ist es vielleicht die perfekte Kombination für Familien, die flexibel verreisen möchten?

Wir sind der Meinung, dass es mit dem Wohnmobil am einfachsten ist, mit kleinen Kindern zu verreisen. Zum einen packt man die Koffer nur einmal aus, dann sind die Klamotten in den Schränken des Mobils und immer greifbar. Für Tagesausflüge muss man nichts extra einpacken, oder an die Verpflegung denken.

Wenn wir in Städten unterwegs waren, oder Freunde besuchten, war das Mobil als jederzeit erreichbares Rückzugsgebiet für die Kinder optimal. Dauert eine Fahrt länger als gedacht, ist es leicht, Pausen zu machen, zu kochen, oder ein Schläfchen zu halten. Und ganz wichtig für die Kinder: man nutzt immer die gleiche, immer verfügbare Toilette.

Der größte Vorteil war: wir übernachteten fast immer in der Natur. Anfangs schliefen wir auf den Stellplätzen der großen Nationalparks, später mehr in den kleineren State Parks. Naturnäher geht es nur mit dem Zelt, was aber eine Menge täglicher Ein- und Auspackerei bedeutet._MG_5328

Reise vs. Urlaub. Was sind Deiner Meinung nach die Vorteile des Reisens mit Kindern?

Ich sehe einen großen Unterschied zwischen Reisen und Urlaub. Reisen heißt für mich, bewusst die Natur und die Menschen anderer Länder kennenzulernen und zu erleben. Oft wirken Landschaften durch den Kontrast: erst ans Meer, dann in die Wüste und danach ins Weingebiet. Urlaub dient in erster Linie der Erholung. Mit Urlaub verbinde ich Pauschalreisen: die Touristen werden in speziellen Orten zusammengepfercht, sie essen die gewohnten Speisen und sehen kaum etwas vom Land und der Kultur.

Unsere Kinder lernen, ohne sich darüber bewusst zu sein, einfach durch das Unterwegssein. In Neuseeland zum Beispiel wurden ihnen ganz schnell klar, dass die Erde rund ist. Immer, wenn wir die Omas anrufen wollten, mussten wir erst überlegen, ob es in Deutschland jetzt gerade Nacht ist und dann war der Zusammenhang schnell klar. Und der Mond wird verkehrtherum fett und wieder schlank.

Unsere Kinder lernten im Ausland alle recht schnell Englisch. Dazu haben wir keine Vokabeln und keine Grammatik gepaukt, sie haben einfach nur zugehört und angefangen, nachzuplappern. Die Sprache ging irgendwie ganz einfach ins Blut über._MG_2527

Eure Kinder sind ja teilweise im Wohnmobil aufgewachsen. Konntet Ihr bei Eurer Erziehung während der Langzeitreisen Unterschiede zu daheim feststellen?

Im Wohnmobil ist es eng, keiner kann sich in sein Zimmer zurückziehen. Entweder man rauft sich zusammen, oder es geht gar nicht. Wir kennen uns aus diesem Grund sehr gut und sind aufeinander eingespielt. Wir haben sehr viel gemeinsam erlebt – da reicht ein Stichwort und wir wissen alle, um was es geht und giggeln gemeinsam los.

Daheim sind wir zwar auch zusammen, aber jeder macht mehr sein Ding. Es ist nicht so intensiv wie auf Reisen. Mittlerweile ist unser Mobil allerdings etwas eng für fünf “Erwachsene”, nach drei Monaten freuen wir uns wieder auf unser Haus, oder eine Ferienwohnung.

Auf die Erziehung hatte diese Enge allerdings eine positive Auswirkung. Wir hören gemeinsam Hörbücher – teilweise auch sehr anspruchsvolle Literatur – die wir dann gemeinsam auf langen Strandspaziergängen aufarbeiten. Da kommen oft philosophische Themen auf, über die wir tagelang diskutieren können.
Wir kennen unsere Kinder richtig gut, können einschätzen, was ihnen guttut, und gehen direkt auf Problematiken ein._MG_9092-2

Mittlerweile sind aus Euren Kids Teenagern geworden. Ist das Reisen dadurch einfacher oder komplizierter geworden?

Ich denke, es ist nicht einfacher oder schwieriger, nur anders. Klar können wir jetzt längere Wanderungen machen oder Radtouren, was früher schwieriger war. Wir diskutieren aber auch mehr, weil jeder eigene Ideen und Vorstellungen hat. Meist bringen wir die aber gut unter einen Hut. Es ist immer wichtig, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, egal ob Kleinkind oder Teenager.

Welches Familienmitglied unter Euch leidet unter besonders hohem Reisefieber und gibt es jemanden, der zum Kofferpacken ein bisschen mehr Motivation braucht?

Ich, Gabi, bin wohl am reiselustigsten. Noah ist derjenige, der am ehesten daheim bleiben würde.

Welche Faktoren entscheiden in der Regel die Wahl eures nächsten Reiseziels?

Die Jahreszeit, die Küste – wir sind nun mal Meeresfotografen – die Finanzierbarkeit. Manchmal passiert es, dass wir dann doch ganz woanders landen, als anfangs gedacht. Wir lassen uns gern unterwegs inspirieren. Es ist schön, frei zu sein!Esra kurz vor der Ankunft

USA, Neuseeland, Norwegen… Was ist Dein Persönlicher Favorit unter euren Wohnmobil-Reisen?

Ganz klar Schottland! Da will ich unbedingt bald wieder hin!
Ich mag die Menschen dort, vor allem wegen ihres Humors. Aber auch die abwechslungsreichen Landschaften.

Bei so vielen langen Reisen, stand bei Euch jemals auch das Thema Auswandern zur Diskussion?

Nicht wirklich. Ich würde gerne mal länger auf einer Insel leben. Wenn ich dann ein paar Jahre später immer noch dort bin, bin ich wohl ausgewandert. Es muss also eher einfach passieren, als geplant werden. So wie auch unsere Reisen.

Gunter und Du verdient ja mit Reisefotografie eure Brötchen. Wie leicht oder schwer fällt es Dir unterwegs auch mal abzuschalten, und bei einer schönen Aussicht nicht gleich an Komposition und Belichtung zu denken?

Als Fotograf kann man das nicht abschalten! Das ist wie mit dem Lesen. Wenn irgendwo ein Schild mit Schrift drauf steht, liest man das automatisch. Man kann sich nur ab und zu mal bewusst eine Ruhepause verordnen. Gunter kann das besser als ich. Ich liebe die Fotografie über alles, sie ist wie eine Meditation für mich. Oft merke ich gegen Ende einer langen Reise aber doch körperlich, dass ich übertrieben habe.

Es ist ja nicht nur die Fotografie, die wir unterwegs intensiv betreiben. Wir schreiben für unseren Blog und für Magazine. Da suche ich ja auch ständig nach Geschichten, interessanten Menschen, ich überprüfe Fakten und recherchiere. Diese Reisen sind im Prinzip genau das Gegenteil von Urlaub. Was nicht heißt, dass wir sie genießen!_GA_2300

Alle, die es Euch nachmachen möchten, finden bei 5Reicherts auch jede Menge Tipps für bessere Reisefotos. Was wäre Dein wichtigster Ratschlag für angehende Reisefotografen?

Auf den Zeitpunkt kommt es an. Wenn Euch ein Ort gefällt, bleibt und wartet, bis das Licht optimal ist!

Was sind Deine persönlichen Top 3 der “fotogensten Destinationen” der Welt?

Die Lofoten, die Isle of Skye, der Westen der USA und noch viele mehr…..

Falls Dich Scotty in diesem Moment an einen beliebigen (Dreh-)Ort beamen könnte, welche Koordinaten würdest Du wählen?

Eshaness in Shetland.Glenbrittle, Schottland

Wie schaut es mit dem Soundtrack zu euren Roadtrips aus?

Wir haben eine Musiksammlung auf dem mp3 Player, da ist für jeden von uns was drinnen. Die Musik geht von Beethoven bis ZZ Top. Meistens hören wir gemeinsam Hörbücher. So können wir viel Schulstoff abhandeln.

Welcher Song weckt bei Dir derzeit die Lust, die Koffer zu packen?

In Neuseeland hatten wir nur wenige CD’s. Eine davon war von Cat Stevens. Wir hörten sie bestimmt 100 Mal. Wenn ich den Song “Father and Son” höre, erinnert mich das an die gewundenen, engen Straßen und das kleine Wohnmobil in Neuseeland und dann will ich weg.

Und noch eine Spaßfrage am Ende. Falls Du Deine Familie für die Dauer einer Reise gegen eine beliebige berühmte Persönlichkeit, lebend oder tot, eintauschen könntet, mit wem und wohin würdest Du verreisen?

Ich würde mit Joan Baez auf Konzerttour gehen.Nordlicht und Sterne über Littleisland Lighthouse

Fotos: 5reicherts.com

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