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Der Anthropologe und gebürtige Bayer lebt seit 2002 in Brasilien. In seiner Freizeit findet man ihn meist in Stadien und an Fußballplätzen zwischen Rio und Manaus, von wo er auch in seinem Blog Brasilien im Land des Fußballs ausführlich berichtet. Der Fußballexperte stand uns noch vor der Gruppenauslosung Frage und Antwort. Welche Hoffnungen setzt das südamerikanische Land in das Großevent und lohnt sich eine WM-Reise überhaupt?

Martin Curi ist Experte, wenn es um den brasilianischen Fußball geht. Dabei blickt er bei seinen Analysen auch mal gerne abseits des Spielfeldes und der grellen Scheinwerfer der Stadien. Dass es sich bei seinen Berichten nicht nur um einfache Spielkommentare handelt, beweist er sowohl in seinen Büchern wie auch in seinem Blog Brasilien im Land des Fußballs.

Anlässlich der sich nähernden Fußball-WM 2014 unternahm er eine Tour zu den Austragungsorten rund um Brasilien. Mehr als 30.000 Kilometer, immer dem Ball hinterher, oder in diesem Fall eher der Baustelle. Er erzählt über Zweifel, von denen die WM-Vorfreude in Brasilien begleitet wird, und wieso das Land auch außerhalb der Meistersaft (nicht nur) eines Stadionbesuches wert ist.

Arena Castelão in Fortaleza

Vorteile, Nachteile, Folgen… Die Wahl des Austragungsortes der Fußballweltmeisterschaft sorgt nicht selten um heftige Diskussionen und Proteste. Wird Brasilien auch nach dem letzten Schlusspfiff von der WM profitieren können? Abseits des Spielfeldes, wie viel Hoffnung setzt man im Land in die Weltmeisterschaft 2014?

Ich glaube, dass viele Brasilianer große Hoffnungen in die WM setzen, aber gleichzeitig sehr skeptisch sind, ob diese auch erfüllt werden. Zum einen sehen sich die Brasilianer als das wahre Fußballland und somit ist es nur natürlich, dass Brasilien eine WM nicht nur austrägt, sondern sie auch gewinnt. Zum anderen hört man oft Sätze wie „Das ist doch nur was für die Reichen, die FIFA, oder die Europäer. Wir normale Brasilianer sind ausgeschlossen. Uns wird die WM gar nichts bringen.“ Das ist auch einer der Gründe für die Massenproteste, die es im Juni 2013 gab.

Was tatsächlich unter dem Strich bleibt ist leider nur sehr schlecht bewertbar. Deutsche Studien haben damals herausgefunden, dass die WM 2006 eine +/-0-Rechnung war. Das wird in Brasilien wohl ähnlich sein. Da wird aber dann der ganze Marketingeffekt nicht mit einberechnet, der Tourismus und Produkte fördern kann. Dieser Marketingeffekt, kann aber auch nach hinten losgehen, wenn Berichte über Gewalt und Pfusch am Bau etc erscheinen. Es wird sicherlich Gewinner geben, besonders in der Baubranche. Es wird aber mit den Opfern der Zwangsenteignungen und der Preiserhöhungen auch sicher Verlierer geben.

In Brasilien ist Fußball ein Lebensgefühl.Die meisten Europäer kennen die Brasilianer als eine äußerst gutgelaunte und feierfreudige Nation. Die Erwartungen an die Fanmeilen und die Stimmung in den Straßen sind dementsprechend hoch. Es ist noch früh, aber kann man schon von einer WM-Stimmung sprechen?

Die WM ist eigentlich spätestens seit der Auslosung der Qualifikationsgruppen im Juli 2011 das wichtigste Tagesthema. Dabei ist der Tenor aber weniger eine gutgelaunte Vorfreude, sondern eher eine Skepsis darüber, ob Brasilien in der Lage ist die WM zu organisieren. „Stell dir das bei der WM vor!“ (Imagina na Copa!), wurde zum geflügelten Wort bei problematischen Situationen, wie Stau oder überfüllten Bussen.

Als Brasilien aber dann den Confed-Cup gewonnen hat, war dann trotzdem Party. Im Übrigen sind Demonstrationen und Partys kein Widerspruch. Der Großteil der Demonstrationen im Juni 2013 waren sehr fröhlich. Es werden dann leider meist nur Bilder von den wenigen Ausschreitungen gezeigt. Ich glaube aber auch, dass die brasilianischen Partyfähigkeiten oft völlig überschätzt und romantisiert werden.

Wie schaut es bei den deutschen Auswanderern in Brasilien aus?

Damit sind sicherlich die Auswanderer in den deutschen Orten in Bundesstaat Santa Catarina in Südbrasilien gemeint. Es gäbe ja auch die aktuellen Auswanderer, die wegen der WM zum Arbeiten nach Brasilien kommen, oder Auswanderer der dritten oder vierten Generation, die nichts Deutsches mehr, außer dem Namen haben. Das sind völlig verschiedene Gruppen.

Ich lebe nicht in Santa Catarina und weiß deshalb nicht genau Bescheid, aber bei vergangenen WMs wurden eigentlich immer Bilder aus Blumenau oder Pomerode gezeigt, bei denen es deutsche Partys mit Tracht und Bier gab. Die Leute dort scheinen sowohl die brasilianische, als auch die deutsche Mannschaft zu unterstützen.

Rio de Janeiro ist ja schon lange kein billiges Reiseziel mehr. Für den kommenden Sommer kündigen sich in den WM-Austragungsstädten zusätzlich beträchtliche Preiserhöhungen an. Nichtsdestotrotz, würdest Du eine Brasilien-WM-Reise auch ohne das passende Stadionticket empfehlen?

Ich schätze eine Reise nach Brasilien zur WM-Zeit für sehr schwierig ein. Flüge und Hotels werden sehr teuer und überbucht sein. Die Strecken zwischen den WM-Orten sind teilweise tausende Kilometer lang. Brasilien stellt sich auf reiche Europäer, Japaner und Nordamerikaner ein. Es wird keine fanfreundlichen Angebote, wie Fancamp oder Weltmeisterticket geben, wie das in Deutschland der Fall war. Ganz ehrlich, ich denke, dass Brasilien ein sehr schönes Land ist, indem man viel entdecken kann, aber das wird zu einem anderen Zeitpunkt einfacher und billiger. Ich denke sogar, dass es interessanter ist ein Ligaspiel zu sehen, statt ein WM-Spiel.

So bereitet sich Brasilien auf die WM vor

Die berühmt-berüchtigte Kriminalitätsrate von Rio de Janeiro: Schon bei Südafrika wurde viel, zum Glück umsonst, über die Sicherheit der Fans diskutiert. Wie sicher würdest Du Rio und Co. einschätzen?

Brasilien hat eine höhere Kriminalitätsrate, als Deutschland. Aber es wird in den Medien und Reiseführern auch oft übertrieben. Die Leute leben ja nicht in der Hölle, sondern führen ein normales Leben. Es ist schwierig Tipps für Touristen, die kein Portugiesisch sprechen, abzugeben, aber meist gilt es einfach gesunden Menschenverstand anzuwenden. Wo man sich unsicher fühlt sollte man nicht hingehen. Touristen sind sowieso in den Hotelviertel untergebracht und das Sicherheitsaufgebot zu den Stadien wird immens sein.

Auf Deiner Tour durch die Austragungsstädte der WM 2014, welche war Deine Lieblingsstation? Lieblingsstadion?

Das ist schwierig, es kommt auch ein bisschen darauf an, welche Kriterien man ansetzt. Ich bin der Meinung, dass zwei der schönsten brasilianischen Städte Belém und Florianópolis leider nicht für die WM ausgewählt wurden. Von den WM-Städten halte ich Salvador, Brasília, Manaus und besonders Rio de Janeiro für die touristisch attraktivsten.

Wer sich für historische Altstädte interessiert sollte zudem Recife ins Auge nehmen. Wer Strände sucht, der sollte den Süden meiden und eher die Städte im Nordosten anfahren. Kulinarisch gesehen finde ich, dass Brasilien drei völlig unterschiedliche Hauptstädte hat: Belo Horizonte, Salvador und Belém.

Die interessanteste Fußballszene hat São Paulo. Dort steht auch mein Lieblingsstadion in der Rua Javari: Das Stadion des unterklassigen Vereins Juventus. Es wurde in den 1920er Jahren erbaut und hat noch den Flair der „guten alten Zeit“. Mit São Januário und Laranjeiras hat auch Rio de Janeiro, die sicherlich faszinierendste Stadt Brasiliens, zwei wunderschöne, alt-ehrwürdige Stadien.

So bereitet sich Brasilien auf die WM vor...

Eine Fußballreise ist viel mehr als nur ein Stadionbesuch. Die Qual der Wahl: Welche drei brasilianische Sehenswürdigkeiten oder Attraktionen üben auf Dich die meiste Faszination aus?

Wenn man nach Brasilien kommt, dann muss man Rio gesehen haben. Aber da wohne ich, deshalb lasse ich das mal weg. Ich erlaube mir einfach mal vier Tipps: 1. Die Vielfalt der brasilianischen Küche und dabei hebe ich die Städte Belo Horizonte, Salvador und Belém hervor. 2. Die Architektur von Oskar Niemeyer. Auch hier gibt es drei Meisterwerke: das Kunstmuseum MAC in Niterói, São Francisco Kirche in Belo Horizonte und die Kathedrale von Brasília. 3. Der Amazonas oder Amazonien, weil es, mit seiner Natur, seiner Küche, seinen Menschen, eine so andere, exotische Welt ist, die irgendwie eine poetische Tiefe besitzt. 4. Das Sumpfgebiet Pantanal eignet sich hervorragend für kleine Safaris, bei denen man Kaimane, Wasserschweine und unzählige Vögel beobachten kann.

Wie wird Dein persönlicher WM-Alltag ausschauen?

Ich werde sicherlich arbeiten, von daher ist der Tagesablauf noch nicht geklärt. Ich wollte eigentlich möglichst stressfrei in Rio bleiben, wo immerhin das Medienzentrum und sieben Spiele, darunter das Finale stattfinden werden. Aber ich werde wohl ein paar Reisen nicht vermeiden können.

Ein Tipp am Ende: Wer wird Weltmeister?

Deutschland. Ok, das ist der Tipp eines Fans.

Brasilien beim Confederations Cup
Fazit
Für die, die es sich leisten können, wird das Event mit ziemlicher Sicherheit ein unvergessliches Erlebnis. Für alle anderen? Auch wenn Sie abseits der WM 2014 nach Brasilien fliegen, sollten Sie auf einen Stadionbesuch nicht verzichten. Fußball gehört in diesem südamerikanischen Land einfach zum Lebensstil dazu.

Pflichtlektüre für alle, denen der 12. Juni 2014 etwas sagt: Brasilien – Land des Fußballs

Fotos: Crystian Cruz, Beraldo Leal, Crystian Cruz, Beraldo Leal, Beraldo Leal / Flickr cc.

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